„WAS? Du isst VEGANISCH??!“

Kennt ihr das? Ihr seid mit einer Freundin bei Starbucks verabredet, bestellt euch einen „Caffè Latte“ und vergesst dabei vollkommen zu sagen, dass ihr Sojamilch statt Kuhmilch möchtet? -Das passiert mir ständig! Zum Glück habe ich aufmerksame Freundinnen und noch nie einen Kuhmilch-Caffè-Latte bekommen seit ich mich vegan ernähre.

Aber warum vergesse ich ständig, zu sagen, dass ich einen pflanzliche Milch in meinem Kaffee haben möchte? Ganz einfach: für mich ist „Vegan Essen“ mittlerweile so normal geworden, wie das Zähneputzen nach dem Essen. Ich erwische mich sogar dabei, innerlich ganz erstaunt dreinzuschauen, wenn ich in der Öffentlichkeit jemanden sehe, der eine Bockwurst isst oder sich in der Bahn frohlockend über den Inhalt seiner Mc-Donalds-Tüte hermacht. (Natürlich starre ich niemanden wirklich an, schon gar nicht beim Essen…)

Mit der Zeit habe ich immer mehr Veganer kennengelernt, sei es über Internet-Foren oder Instagram. Einige kommentieren ganz nett und man kommt ins Gespräch oder trifft sich sogar mal privat, wenn es denn Sympathie, Entfernung und Geldbeutel zulassen. Aus manch einem anfänglichem Internetgeplänkel haben sich sogar richtige Freundschaften entwickelt, die ich nicht mehr missen möchte!

Und die alten Freunde? Oder die „Freunde“ (All diejenigen, die man zwar kennt, aber eigentlich gar nicht leiden kann. Die, denen man dann doch zu oft über den Weg läuft, um sie aus der Facebook-Freundesliste zu schmeißen.. Ihr wisst schon, das sind die, deren Posts grundsätzlich immer nerven)? Und all die anderen, die Bekannten?

Naja, durch anfangs akribisches -wie sagt man so schön- „Missionieren“ wissen all die Freunde, „Freunde“ und Bekannte, dass man jetzt vegan (oder zumindest vegetarisch) isst, indem man Facebook-Seiten folgt, die sich mit fleischfreier Lebensweise befassen oder interessante Links teilt. Zugegeben, zu Beginn meines fleischfreien Lebens waren es nicht nur „interessante“, sondern vor allem ziemlich viele blutige Links. (Aber um kurz ein paar Worte zur Selbstverteidigung loszuwerden: ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich war damals ungefähr 17 und sehr (sehr sehr!) schockiert darüber, wie grausam es auf Schlachthöfen zugeht! Ich wollte einfach, dass auch mein soziales Umfeld „aufwacht“, so wie ich es tat.) Heute teile ich gern informative Artikel

Durch die eben genannte Social-Media-Link-Überflutung werden übrigens einige Freunde zu „Freunden“ und andersrum. Denn „Freunde“ bezeichnen die eben beschriebenen Tätigkeiten als Missionieren, was wiederum so viel bedeutet wie militantes Belehren und Sich-Selbst-Als-Etwas-Besseres-Aufspielen. Freunde dagegen finden es meistens super, dass man weltoffen ist und etwas Neues probiert und fragen gern nach Rezepten. Das sind auch diejenigen, die immer eine vegane Alternative parat haben, wenn man zu ihnen eingeladen ist (ihr seid super!) obwohl sie selbst keine Veggies sind.

Und diejenigen, die kein Facebook haben? Die wissen es durch Mutti, ganz einfach.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte: nach der anfänglichen -natürlich durchaus nachvollziehbaren- Fragerei klingt das Interesse an dem Lebenswandel langsam ab und auch die „Freunde“ werden irgendwann müde, einem ein Stück Wurst unter die Nase zu halten und zu fragen, ob man nicht jetzt gerade „voll gern reinbeißen möchte“. (okay, das machen nicht alle „Freunde“, aber eine gute Story lebt ja von Übertreibungen 😉 Außerdem habe ich genau dieses Verhalten schon zwei mal am eigenen Leib spüren dürfen; „Freunde“ habe ich wohl aber mehr.) Und irgendwann heißt es eben nicht mehr „Wusstest du schon das Neuste? Lara (oder eben XY) macht jetzt einen auf vegan!!“ Es wird einfach ganz normal – für euch selbst und für alle anderen auch.

Und dann ist es nunmal komisch, dass es Menschen gibt, die einen mit großen Augen anschauen und fragen „WAS? Du isst VEGANISCH??!“ – Ja, ihr habt richtig gelesen: „veganisch“, manche Menschen kennen eben nichtmal das richtige Adjektiv zu dem Lifestyle, wahrscheinlich haben sie noch nie so einen richtig echten „Veganischen“ getroffen.

Habt ein bisschen Verständnis dafür, denn dort schließt sich der Kreis. Was für euch normal ist, ist für andere eine völlig andere Welt. Und das möchte an dieser Stelle nicht nur meinen Veggies ans Herz legen, sondern auch all den Omnis, die gerade diesen Artikel lesen!

Es macht wirklich keinen Spaß, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, dass man jetzt jährlich doch keine 90, sondern nur 82 Tiere rettet, indem man sie nicht isst. Glaubt mir, irgendwann ist man es satt, für seine Schuhe, die noch aus anderen Zeiten stammen, kritisiert zu werden. Vor allem vor Menschen, die sich selbst ‚um gar nichts scheren‘ – also Menschen, die Fleisch essen, Milch trinken, Leder und Pelz tragen, Tierversuch-Produkte verwenden, (…).

Wieso sollen sich Vegetarier oder Veganer denn immer rechtfertigen? Gerade diese Woche beim Repetitorium (Uni-Kram) war ich wieder einmal in einer eher unangenehmen Situation. Ich habe meinen Freunden erzählt, dass die Fisch-und-Feinkost-Messe, auf der ich als Hostess gearbeitet habe, erstaunlich angenehm war und ich da sehr viele leckere Produkte entdeckt habe. Darauf meinte einer meiner Freunde: „Ach wirklich, ich hätte gar nicht gedacht, dass es auf solchen Messen viel Veganes gibt…“ – und zack, einer der stillen Zuhörer klinkte sich ein: „Du isst vegan?! Achtest du dann auch darauf, dass deine Kosmetik ohne Tierversuche hergestellt wird?!“ Und da war ich mal wieder in ‚dieser Situation‘: ich musste jemanden, dessen Namen ich nichtmal kannte, erklären, wie ich lebe und es von diesem Jemand moralisch und ethisch bewerten lassen.

Andersrum würde ich niemals (!!) auf die Idee kommen, einem mehr oder weniger fremden Menschen aufzuzwingen, über seine Moral bzw. seine Ethik zu diskutieren. Denn wenn man das Spielchen andersrum spielen würde, müsste ich jedem, der ein Salami-Brot in meiner Gegenwart isst, erklären, dass er, indem er Fleisch konsumiert, Menschen dafür bezahlt, Tiere umzubringen (um nur ein unmittelbares Beispiel der negativen Folgen des Fleischessens zu nennen). Genauso ärgere ich mich mittlerweile nicht mehr über Steaks bei Facebook oder Wurstbrote bei Instagram (auch wenn ich mich zumeist ein wenig ekle, aber dafür gibt’s ja den Unfollow-Button). Eine meiner besten Freundinnen meinte vor ein paar Wochen zu mir „Manche Leute essen eben ein Oatmeal mit Früchten zum Frühstück und andere legen sich ein totes Schwein auf’s Brot“. That’s it. (Und nein, „totes Schwein“ ist kein Angriff und auch keine Beleidigung, denn Wurst ist nichts anderes als totes Tier).

Also Leute, bitte legt etwas mehr Toleranz an den Tag! Vegan-Essen ist kein Trend, sondern eine völlig normale Art zu leben, ein Lifestyle. Veganer sind keine selbstverherrlichenden Missionare (zumindest nicht die, die ich kenne), sie haben einfach etwas gefunden, das ihnen Spaß macht und womöglich ein Stück Lebensqualität schenkt. Und ich hoffe, dass Veganismus irgendwann so normal ist wie Karnismus, vielleicht sogar ’normaler‘. Und ihr könnt dabei helfen!